Handout · FLINTA*-Workshop · neuseum Bayreuth · 04.08.2026

XR trifft
Didaktik

Vom eingeworbenen Projekt zur gelungenen Vermittlung. Zum Nachschlagen, mit allen Videobeispielen.

Die Kernthese

XR ist ein Medium.
Die Didaktik entscheidet.

„XR ist mehr als Brillen“: Körper und virtueller Raum reagieren in Echtzeit aufeinander. Das geht mit VR- und AR-Brillen, mit Smartphone und Tablet oder mit begehbaren Bodenprojektionen wie den Blauen, bei denen der Körper zum Interface wird.


IKapitel eins

Wie funktioniert Lernen?

Didaktik fragt, wer was wozu und womit lernen soll (Jank & Meyer).

Was Lernen heißt

Gelernt ist mehr als gemerkt

Vgl. Weinert (2001); Anderson & Krathwohl (2001)

Kerngedanke

Wir bauen Neues aus Bekanntem

Historische Reklamemarke: Einem Kind wird ein Trichter auf den Kopf gesetzt
Reklamemarke, um 1910

Wissen lässt sich nicht eintrichtern, der Nürnberger Trichter bleibt ein Märchen. Jeder Kopf baut sich sein Bild aus dem, was schon da ist. Der Fachbegriff: Konstruktivismus.

Buchillustration: Der Fisch stellt sich eine Kuh als Fisch mit Hörnern und Euter vor
Der Fisch kennt nur seinen Teich, also wird die Kuh zum Fisch mit Hörnern. Aus: Lionni, L. (1970): Fisch ist Fisch
Zwei Arten von Wissen

Biologisch primär

Dafür hat sich das Gehirn in der Evolution entwickelt. Lernt sich intuitiv und mühelos, ohne formale Anleitung.

Muttersprache, Gesichter erkennen, Gehen, soziale Interaktion

Biologisch sekundär

Späte kulturelle Erfindung, ohne angeborenes Spezialprogramm. Braucht Anstrengung, Instruktion und Disziplin.

Lesen und Schreiben, Rechnen, Fachwissen

Nach Geary (2008); Sweller et al. (2019)

XR bringt den Körper ins Lernen. Was man selbst erkundet, nimmt den leichten Weg ins Gehirn.

Das Werkzeug

Fünf Fragen an jedes XR-Projekt

Die Frage nach der Technik kommt ganz am Schluss.

Berliner Modell

Alles hängt an allem

Ändert sich eine Antwort, ändern sich alle anderen mit. Nach Heimann, Otto & Schulz.

Euer Projekt, eure Antworten

Antworten bleiben lokal auf eurem Gerät.

Vorwissen? Zeit? Freiwillig da?
Welcher Ausschnitt des Themas?
„Nach dem Besuch können die Leute …“
Was tun die Menschen aktiv?
Erst jetzt: Brille, Tablet, Projektion?
Automatisch gespeichert, nichts wird übertragen.

IIKapitel zwei

Zielgruppen

Jeder Teich ist anders. Was ankommt, entscheidet das Vorwissen.

Zielgruppe 1

Studierende

Bringen Vorwissen mit, haben wenig Zeit. Am Ende zählt die Prüfung.

Zielgruppe 2

Museumsbesucher:innen

Sind freiwillig hier, bleiben ein paar Minuten, und niemand erklärt ihnen vorher die Bedienung.

Zielgruppe 3

Kinder

Wollen zuerst erleben, dann verstehen. Bodenprojektionen passen gut: keine Brille, keine Altersfreigabe.


IIIKapitel drei

Was wollen wir vermitteln?

Was soll hängen bleiben? Klären, bevor die Technik ins Spiel kommt.

Lernzieltaxonomie

Sechs Stufen, aufeinander gebaut

Stufe antippen, Operatoren machen Lernziele konkret. Nach Anderson & Krathwohl.

6 Schaffen

Operatoren: entwerfen, konstruieren, konzipieren

5 Beurteilen

Operatoren: bewerten, begründen, prüfen

4 Analysieren

Operatoren: untersuchen, zerlegen, vergleichen

3 Anwenden

Operatoren: durchführen, ausführen, umsetzen

2 Verstehen

Operatoren: erklären, zusammenfassen, einordnen

1 Erinnern

Operatoren: nennen, aufzählen, wiedergeben

Lernziele im Raum

Gewusst und gewusst wo

Manches Wissen gehört an einen Ort. AR blendet es genau dort ein.

1:36
Der transparente UmrichterAR am Mechatronik-Lehrstuhl, Universität Bayreuth
Aus der Theaterdidaktik

Manchmal ist das Erleben selbst das Ziel

Ästhetische Bildung (Hentschel, Czerny): Die Erfahrung selbst bildet. Ein abprüfbares Lernziel braucht es dafür nicht.

Warum Erleben wirkt

Vom Eintauchen zum Lernen

Das CAMIL-Modell (Makransky & Petersen, 2021), vereinfacht:

Technik

ImmersionInteraktionDarstellungstreue

Erleben

Präsenz„Ich bin da“
Agency„Ich kann handeln“

Wirkfaktoren

InteresseMotivationSelbstwirksamkeitKörpererleben Kognitive BelastungSelbstregulation

Die gestrichelten Faktoren können das Lernen bremsen und gehören mitgeplant.

Lernergebnisse

FaktenwissenKonzeptwissenProzedurales WissenTransfer

Mini-Übung aus dem Workshop

Vervollständigt den Satz, gern spontan.

Tipp: Nutzt einen Operator aus der Taxonomie.
IVKapitel vier

Was XR kann

Vier Potentiale mit Beispielen aus Bayreuth. Die Videos laden erst, wenn ihr auf Play tippt.

Potential 1

Unzugängliche Orte erreichbar machen

11:43
Das Rote ZimmerDigitale Rekonstruktion in Schloss Thurnau
5:57
Bayreuth 1763: Stadtgeschichte in ARAnnika Lelke hat über 1.000 Häuser von Hand gesetzt
1:49
Exkursion mit VRQUADIS, CC BY

Potential 2

Unsichtbares sichtbar machen

2:44
Der gläserne ExtruderAR-Praktikum, Lehrstuhl Polymere Werkstoffe
1:34
Nanome VRMolekülvisualisierung in VR
3:50
Begehbare Molekülsimulation in ARUniversität Bayreuth

Potential 3

Handeln ohne Risiko

6:45
Grätzelzelle in 360°Masterarbeit von Viet Fuchs, Chemiedidaktik

Potential 4

Gemeinsam schauen und sprechen

3:48
Virtueller Lehr-LernraumQUADIS-Selbstlernraum, im Browser erkundbar
1:18
Star Trek: Bridge CrewNur wer sich abstimmt, kommt ans Ziel
VKapitel fünf

Keine Angst vor der Technik

Es muss nicht fotorealistisch sein. Ein einfacher Raum, in dem man etwas tun kann, wirkt stärker als ein perfekter, in dem man nur staunt.

Niederschwellig starten

Fachwissen zählt mehr als Technikkenntnis

360°-Touren

Smartphone + H5P

360°-Fotos werden im Browser zur klickbaren Tour. Kostenlos.

h5p.org ↗

3D-Scans

Polycam / Scaniverse

3D-Scan direkt vom Smartphone, fertig in zwei Minuten.

poly.cam ↗ · scaniverse.com ↗

3D-Modelle

Tinkercad

Digitale Klötzchen für einfache 3D-Modelle.

tinkercad.com ↗

VR-Räume

FrameVR

Galerie bauen, Link teilen. Begehbar im Browser.

framevr.io ↗

„Vielleicht wird XR irgendwann so einfach wie eine PowerPoint.“

XRCampus: elf Projekte in sieben Monaten, entwickelt von Tutor:innen ohne Technik-Vorwissen.
3:40
Der XRCampus-TrailerUniversität Bayreuth, zwei AVRiL-Auszeichnungen 2024
Ehrlich bleiben

Wo XR (noch) an Grenzen stößt

Motion Sickness

Teleportieren statt Gleiten, kurze Sessions einplanen.

Barrierefreiheit

Nicht alle sehen räumlich oder können frei stehen. Alternativen anbieten.

Tool-Halbwertszeit

Mozilla Hubs wurde eingestellt. Auf offene Formate setzen.

Datenschutz & Ethik

Wo liegen die Daten? Wer fängt intensive Erfahrungen auf?

Vgl. vhb-Kurs „XR in der Lehre“, Kap. 8


Fazit

Erst die fünf Fragen,
dann die Technik.

Und immer abwägen, ob der Nutzen den Aufwand rechtfertigt.